Wo die Zeit innehält: Die Rauhnächte und die Rückkehr des Lichts (Deutsche Übersetzung)

Es gibt eine Zeit im Lauf des Jahres,
die nicht ganz zur einen Seite gehört
und noch nicht zur anderen.

Eine Pause.
Eine Schwelle.
Ein dunkler Schoß der Geborgenheit zwischen dem, was war,
und dem, was werden will.

In keltischen, germanischen, nordischen, baltischen und alpinen Kulturen ist diese Zeit als die Rauhnächte, die Heiligen Nächte oder die Zwölf Nächte des Jul bekannt. Diese Nächte galten als eingeschobene Tage — Tage außerhalb der gewöhnlichen Zeit, die entstanden, als der Kalender von dreizehn Mondmonaten auf zwölf Sonnenmonate umgestellt wurde.

Sie gehörten nicht zur alltäglichen Zeit.

Und so gehörten sie dem Unsichtbaren.

Wenn die Nacht zuerst kommt — Mutternacht (Modraniht)

In alten europäischen Kosmologien kommt die Nacht vor dem Tag.
Die Nacht wurde als Schoß verstanden, in dem die Samen des Tages heranwachsen, bevor sie geboren werden. Dunkelheit ist nicht die Abwesenheit von Leben — sie ist der Ort, an dem Leben entsteht.

Der Vorabend der Wintersonnenwende war in germanischen Gebieten als Mutternacht (Modraniht) bekannt — die Nacht der Mütter. Sie war dem weiblichen Ahnenerbe gewidmet: den Müttern, Großmüttern, den Disen und den Schicksalsschwestern, die die Fäden der Zeit weben.

Dies ist der Schoß vor der Wende.
Die Stille vor der Geburt.

Wintersonnenwende — Wenn die Sonne stillsteht

Das Wort Sonnenwende geht auf das lateinische solstitium zurück —
„die Sonne steht still“. Im Gälischen trägt Grianstad dieselbe Bedeutung.

In diesem Moment scheint die Sonne an ihrem tiefsten Punkt am Horizont innezuhalten. Ein kosmischer Atem wird angehalten. Und dann — kaum wahrnehmbar — beginnt das Licht zurückzukehren.

Diese Pause vor der Wiedergeburt wird seit Zehntausenden von Jahren geehrt. Lange bevor es Kirchen gab, versammelten sich Menschen um Feuer, Stein und Himmel, um diese Wende zu begehen — im Vertrauen darauf, dass das Licht zurückkehren würde.

Nicht als Eroberung.
Sondern als Verheißung.

Das zurückkehrende Licht & die Hirschmutter

In vielen alten europäischen Kulturen wurde die Rückkehr der Sonne von weiblichen Wesen getragen — mächtigen Göttinnen.

Bei den Sámi im Norden reiste die Sonnengöttin Beaivi durch den winterlichen Himmel und brachte Licht und Gleichgewicht zurück. In den baltischen Ländern zog Saule, die lettische Sonnengöttin, durch die Lüfte, um die Welt zu erneuern.

Diese Sonnenwesen wurden auch als gehörnte Göttinnen dargestellt — mit Rentiergeweih — oder als Frauen, die in der Mittwinternacht mit einem von Rentieren gezogenen Schlitten durch den Himmel fuhren. Bilder, die noch lange in späteren Volksüberlieferungen nachklingen.

Die spirituelle Arbeit dieser Zeit war vor allem Frauenarbeit:
das Hüten des Herdes,
das Lauschen der Träume,
das Wahrnehmen dessen, was geboren werden wollte.

Die Zwölf Heiligen Nächte — Omentage jenseits der Zeit

Die Zwölf Heiligen Nächte, meist gezählt von der Wintersonnenwende bis in den Januar hinein, galten als Omentage.

Jede Nacht spiegelte einen Monat des kommenden Jahres. Träume, Begegnungen und feine Zeichen wurden aufmerksam beobachtet.

Der Schleier zwischen den Welten war dünn.
Das Traumtor stand offen.

Dies war keine Zeit, um Absichten zu erzwingen —
sondern um zuzuhören.

Ein altes Ritual von Vertrauen & Co-Schöpfung

Eine einfache Praxis, die in alpinen und germanischen Volksüberlieferungen erhalten blieb, lädt uns in diese alte Beziehung zur Zeit ein:

Das Ritual der Dreizehn Wünsche
Schreibe 13 Wünsche oder Intentionen für das kommende Jahr — jeweils auf ein eigenes Blatt Papier.
Falte die Zettel so, dass die Worte nicht mehr sichtbar sind, und lege sie in eine Schale oder ein Glas.
Ziehe ab der Wintersonnenwende jede Nacht einen Zettel und verbrenne ihn — zwölf Nächte lang.
Du entscheidest nicht, welcher Wunsch geht. Er wird dem Unsichtbaren übergeben — dem Schicksal, den Müttern, dem großen Gewebe.
Nach den Zwölf Nächten bleibt ein Zettel übrig. Dies ist die Intention, der du im kommenden Jahr bewusst Aufmerksamkeit und Kraft schenkst.

Dies ist keine Manifestation durch Kontrolle —
sondern Co-Schöpfung durch Vertrauen.

Gastfreundschaft für das Unsichtbare

Während der Rauhnächte wurden Häuser als lebendige Wesen behandelt.

Böden wurden gekehrt.
Herde gereinigt.
Häuser mit Rauch gereinigt — Wacholder, Tanne, Beifuß.

Feuer wurde durch das Haus getragen, um das Vergangene zu lösen und das Kommende willkommen zu heißen. Es war weithin bekannt und tief empfunden, dass in dieser Zeit Geister umherwandern. Darum wurden Speisen und Kerzenlicht (oder Öllampen) dargebracht, damit die Geister wohlgesinnt seien.

Dankbarkeit wurde laut ausgesprochen.
Man glaubte, dass die Art und Weise, wie diese Nächte begangen wurden, den Verlauf des ganzen Jahres prägte.

Winter als Zeit der Schwangerschaft

Der Winter galt nicht als tote Zeit.

Er war eine Zeit der Gestation.

Samen ruhten in der dunklen Erde. Leben zog sich nach innen zurück, um verwandelt zu werden. Diese Zeit trägt die Energie des Erdenschoßes — Halt, Wärme, langsames Werden.

Hier drängt nichts.
Hier wird nichts beschleunigt.

Träume, Beifuß & das Nachttor

Weil der Schleier dünn war, wurden Träume ernst genommen.

Beifuß — manchmal auch Traum-Salbei genannt — wurde unter das Kopfkissen gelegt oder als Tee getrunken, um Traumerinnerung und luzides Träumen zu fördern. In kräftigen Salben verarbeitet, rieb man ihn auf Handgelenke und Gesicht, um prophetische Träume in dieser Zeit zu unterstützen.

Träume waren keine Unterhaltung.

Sie waren Führung.

Weihnachten — Eine jüngere Schicht über älteren Feuern

Der 25. Dezember wurde im 4. Jahrhundert als Geburtsdatum Christi festgelegt — auch in dem Versuch, ältere Glaubensformen und Bräuche zu überlagern. Doch viele Jahrhunderte davor und danach blieb die Feier der Sonnenwende in Europa bestimmend.

Die intime, häusliche Feier von Heiligabend und Weihnachten, wie wir sie heute kennen, wurde erst im 19. Jahrhundert verbreitet — aus einer neuen Sehnsucht nach Herd, Familie und Sinn in einer zunehmend industrialisierten Welt.

Der Advent bereitet das innere Haus auf das Licht vor — durch seine vier Qualitäten (und vier Kerzen):
Hoffnung — dem Wiederkehren des Lichts vertrauen
Frieden — im stillen Punkt ruhen
Freude — die leise Freude des Werdens
Liebe — die Kraft, die Licht in Form zieht

Im Zentrum steht das Kommen des Lichts — nicht nur als Kind in der Krippe, sondern als der Kosmische Christus: das lebendige Licht von Mitgefühl, Verbundenheit und Präsenz, das in unsere Häuser und Familien eintritt.

Ein Gebet im Stehen zwischen den Welten

Wenn sich die Heiligen Nächte öffnen und das Jahr stillsteht, sei dieses Gebet als Moment des Innehaltens angeboten — als bewusster Schritt zwischen die Welten.

Geliebtes Licht,
geboren aus der tiefen Dunkelheit,
wir rufen dich heim.

Am stillen Punkt des Jahres
stehen wir an der Schwelle —
ein Fuß in der sichtbaren Welt,
ein Fuß in Spirit.

Hier an der Kreuzung,
den sieben Richtungen zugewandt,
kommen wir mit offenen Händen:
bereit zu geben,
bereit zu empfangen,
bereit zu dienen.

Wir legen ab, was schwer geworden ist.
Wir geben zurück, was nicht mehr zu uns gehört.
Wir wählen Ausrichtung statt Eile,
Vertrauen statt Angst,
Liebe statt Vergessen.

Wir bitten um deinen Segen
für unsere Familien und für jene, die wir lieben.
Möge die Liebe sanft unter uns wirken,
heilen, was sich verhärtet hat,
und neu verbinden, was belastet war.

Licht, das sich an den Schoß der Nacht erinnert,
tritt sanft ein.
Führe uns zurück in die Liebe.
Leite unsere Schritte in das, was geboren werden will.

Mögen unsere Leben im Rhythmus
der großen Wende gehen.
Mögen wir uns erinnern,
wie man beginnt.

Mögen diese Heiligen Nächte eine Zeit des Ausruhens, des Lauschens und der sanften Erneuerung sein.
Wir wünschen euch eine zutiefst nährende Zeit —
erfüllt von Frieden, Hoffnung, stiller Freude und Liebe.

Von Herz zu Herz,
Darrel

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